Wurzeln

Wörter erzählen Geschichten. Jedes einzelne Wort einer Sprache hat eine lange Reise hinter sich. Häufig reicht es schon, ein Lexikon aufzuschlagen, um den Weg eines Wortes zurückzuverfolgen.

Etymologie: die wahre Bedeutung der Sprache

Etymologen erforschen die Geschichte von Worten und Wortelementen. Der Begriff Etymologie setzt sich zusammen aus dem griechischen étymos (wahrhaft, wirklich) und lógos (Sprechen, Rede, Wort).

Im Kern befasse ich mich hier mit den europäischen Sprachen Englisch und Deutsch. Europa selbst ist eine Figur aus der griechischen Mythologie. Das Wort ist eine Komposition aus evrís (weit) und ops (Augen). Vielleicht hatte Europa ja tatsächlich schöne, große Augen?

The big fat greek historyIllustration zum Begriff Alexander der Große

Du wirst beim Lesen meiner Beiträge merken, dass viele Wörter aus dem Griechischen kommen. Das liegt an der langen Geschichte der Sprache. Griechisch beeinflusste andere Sprachen

  1. über das Lateinische
  2. durch die Christianisierung und die erste griechische Bibelübersetzung
  3. über das Französische und Englische

Europas älteste Sprache

Griechisch ist die älteste europäische Sprache. Erste Zeugnisse stammen aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. Frühe schriftliche Werke, die wir heute kennen, sind beispielsweise die literarischen Werke Homers – die Ilias, die Odyssee. Sie wurden im 8. Jahrhundert v. Chr. geschrieben. Beispiele für griechische Wörter aus dieser Zeit sind:

Automat, Idee, Therapie

Während der Spätantike sorgte Alexander der Große dafür, dass sich das griechische Eroberungsgebiet stark erweitere und die Sprache die lingua franca jener Zeit war. So wie heute die Weltsprache Englisch.

Von der Magna Grecia zum Imperium Romanum

Im 8. Jahrhundert v. Chr. spricht man von der Magna Grecia, im 2. Jahrhundert v. Chr. vom Imperium Romanum. Die Römer besetzten einen großen Teil Griechenlands, ohne das Land zu romanisieren. Denn sie bewunderten die Sprache, Kultur und Literatur, kopierten literarische Werke und verwerteten sie in Adaptionen, verwendeten Griechisch für amtliche Dokumente und kopierten viele Worte wie:

camera, gubernare, macina

Im 4. Jahrhundert n. Chr. stand das Imperium Romanum vor dem Aus: Der lateinisch-katholische Westen löste sich in verschiedene Landessprachen auf, während der griechisch-orthodoxe Osten seine sprachliche Einheit bewahrte. Latein war nun die Basis der romanischen Sprachen, beeinflusste aber auch den frühen deutschen und englischen Sprachraum des 7. und 8. Jahrhunderts.

Illustration zum Begriff Christianisierung

Die Bibel und ihre Übersetzung

Der zweite Aspekt ist die Christianisierung. Im 3./2. Jahrhundert v. Chr. entstand die hebräische Septuaginta als griechisches Altes Testament. Das Neue Testament folgte bereits direkt auf Griechisch. Deutschland wurde um 500 n. Chr. christianisiert, England um 597 n. Chr. Die Kirche war zu jener Zeit Träger der Schriftkultur. Beispiele für die Entlehnung ursprünglich griechischer Wörter sind:

Bibel, Engel, Münster

Aufklärung und Revolution

Für den heutigen Kontext sind die kultur-politischen Strömungen der letzten Jahrhunderte entscheidend: Einerseits Humanismus und Renaissance, andererseits Aufklärung und Französische Revolution sowie die Industrialisierung. Kultstatus haben während des Humanismus und der Renaissance sowohl die klassischen Sprachen Griechisch und Latein als auch das Französische. Beispiele hierfür sind:

Energie, Programm, Technik

Die Aufklärung und die Französische Revolution bringen zahlreiche neue Ideen mit sich. Zusammen mit der Industrialisierung und dem technischen Fortschritt sorgen sie für viele neue Begriffe in allen Sprachen. Und zwar fast ausschließlich mit Hilfe neo-griechischer und neo-lateinischer Wortbildungselemente. Neo-griechische Wortelemente stammen zwar aus dem Griechischen, ergeben aber in ihrer neuen Zusammensetzung Begriffe, die es in der Antike nicht gab. So existierten tele und phon bereits im Altgriechischen, das Telefon selber verwendete Sokrates aber nicht. Beispiele für derartige Wortneubildungen sind:

Barometer, Elektrizität, Telefon

Auch viele sogenannte Anglizismen sind ursprünglich griechisch:

Aerobic, Musical, Rap, Recyceln

Ebenso wie zahlreiche französische Fremdwörter, die griechische Wurzeln haben:

Blamage, Katastrophe, Organisation

Wörter mit griechischen Ursprüngen reichen von Alphabet bis Zoo: ob Marmelade, Theater, das E- in E-Mail oder das a- in asozial. Es sind Fachtermini wie Elektron, Kinetik und Photosynthese, aber auch Alltagsbegriffe wie Arzt, Kino und Banause.

Griechisch bereichert unsere Sprachen also sehr. Und wer die Sprache sogar kann, versteht den Ursprung zahlreicher Wörter viel besser.

 

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